Systemtheorie und Schamanismus — ein Widerspruch?
- Beda Mulzer
- 30. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 15. Mai
Wer mich kennt, weiß dass ich in beiden Welten zu Hause bin. Ich arbeite systemisch: mit Organisationstheorie, Rollenklärung, Entscheidungsarchitektur, Kybernetik. Und ich arbeite schamanisch: mit rhythmischem Trommeln, inneren Reisen, archetypischen Bildern, ritueller Rahmung. Die Frage, die ich immer wieder höre, ist: Wie passt das zusammen? Ist das nicht ein Widerspruch?
Meine kurze Antwort: Nein. Meine lange Antwort folgt jetzt.
Was Systemik eigentlich meint
Systemisches Denken ist keine Methode im engen Sinn. Es ist eine Erkenntnishaltung. Der Kern: Man kann ein System nicht von außen vollständig verstehen. Jede Beobachtung ist selbst Teil des Systems. Es gibt keine neutrale Außenperspektive. Was sichtbar wird, hängt davon ab, von wo und wie man hinschaut.
Daraus folgt etwas Weitreichendes: Wirklichkeit ist nicht einfach da und wird dann beschrieben. Wirklichkeit wird ko-konstruiert, durch Wahrnehmung, Sprache, Beziehung, Kontext. Was ein Team als Problem erlebt, ist nicht das Problem an sich. Es ist die Art, wie das Team das, was es erlebt, zu einem Problem macht.
Gregory Bateson, einer der Begründer systemischen Denkens, hat das so formuliert: Die Karte ist nicht das Gebiet. Unsere Beschreibungen der Welt sind nie die Welt selbst. Sie sind immer Modelle, Vereinfachungen, Konstrukte. Und sie prägen, was wir als möglich erleben.
Was Schamanismus eigentlich meint
Schamanismus in der Harner'schen Tradition ist keine Religion und kein Glaubenssystem. Es ist eine Praxis. Konkret: eine strukturierte Methode, um in veränderte Bewusstseinszustände einzutreten und dort Zugang zu Wahrnehmungen und Wissen zu bekommen, das im Alltagsbewusstsein nicht verfügbar ist.
Was dabei passiert, ist neurophysiologisch inzwischen gut beschreibbar: Der präfrontale Kortex, zuständig für lineare Analyse und narrative Selbstkonstruktion, verliert vorübergehend seine dominante Filterrolle. Andere Wahrnehmungskanäle werden zugänglich. Das, was Harner phänomenologisch als Krafttier oder helfenden Geist beschreibt, ist aus systemischer Sicht eine andere Informationsquelle. Eine, die außerhalb des gewohnten Konstruktionsrahmens liegt.
Wo sie sich treffen
Beide Ansätze teilen eine grundlegende epistemische Haltung: Es gibt mehr Wirklichkeit, als das gewohnte Bewusstsein erfassen kann. Und der Zugang zu dieser erweiterten Wirklichkeit erfordert eine Veränderung der Wahrnehmungshaltung, nicht nur mehr Information.
Systemisches Coaching arbeitet daran, die Konstruktionen eines Systems sichtbar zu machen. Es fragt: Wie macht ihr das zu einem Problem? Was würde sich ändern, wenn ihr es anders beschreibt? Welche Muster wiederholen sich, und welche Funktion haben sie?
Schamanische Arbeit macht etwas Ähnliches, aber auf einer anderen Ebene. Sie fragt nicht durch Sprache und Reflexion, sondern durch Erfahrung und Bild. Sie umgeht den gewohnten Konstruktionsrahmen, statt ihn zu analysieren. Das Ergebnis ist oft das Gleiche: Etwas, das vorher als unveränderlich erschien, zeigt sich plötzlich als eine Möglichkeit unter anderen.
Bateson hat auch das schon vorgedacht. Er hat beschrieben, dass Lernen auf verschiedenen logischen Ebenen stattfindet. Lernen erster Ordnung ist Verhaltensänderung. Lernen zweiter Ordnung ist die Veränderung der Regeln, nach denen man lernt. Lernen dritter Ordnung, das seltenste und tiefgreifendste, ist die Veränderung des Rahmens, innerhalb dessen man überhaupt denkt und wahrnimmt.
Schamanische Arbeit ist, wenn sie gut gemacht wird, Lernen dritter Ordnung. Nicht durch Analyse, sondern durch direkte Erfahrung.
Was der scheinbare Widerspruch eigentlich ist
Der Widerspruch entsteht, wenn man Systemik mit Rationalismus gleichsetzt und Schamanismus mit Irrationalismus. Das ist aber eine Vereinfachung, die beide nicht trifft.
Systemik ist nicht rationalistisch in dem Sinn, dass sie glaubt, man könne durch genug Analyse zu richtigen Antworten kommen. Im Gegenteil: Sie ist grundlegend skeptisch gegenüber der Idee, dass es eine objektive richtige Antwort gibt. Sie fragt immer: Wer beschreibt das, von wo aus, mit welchen Annahmen?
Und schamanische Praxis in der Harner-Tradition ist nicht irrational in dem Sinn, dass sie Kausalität leugnet oder Wissenschaft ablehnt. Sie erweitert lediglich den Begriff von Erkenntnisquellen. Sie sagt: Es gibt Wissen, das nicht durch Sprache und Analyse zugänglich ist. Und es gibt Methoden, dieses Wissen zu erschließen.
Beide enden damit am gleichen Punkt: Die gewohnte Art zu denken reicht nicht immer aus. Es braucht manchmal einen anderen Zugang.
Wie ich damit in der Praxis arbeite
Ich trenne die beiden Felder nicht strikt. In der Begleitung von Teams und Organisationen arbeite ich primär systemisch: Rollenklärung, Konfliktbearbeitung, Entscheidungsarchitektur, Kommunikationsstruktur. Das ist das Feld, das ich anbiete und in dem mein Auftrag liegt.
Im 1:1-Coaching und in der Begleitung von Einzelpersonen gibt es Momente, in denen ich beide Zugänge als komplementär erlebe. Wenn jemand analytisch alles verstanden hat und trotzdem nicht in Bewegung kommt, kann Hypnose, Erkenntniswege der Meditation oder schamanische Arbeit den Rahmen öffnen, den systematische Reflexion nicht öffnen kann. Die Unterschiede zwischen den drei Feldern sind erstaunlich Fließend
Das sind keine Widersprüche. Das ist Methodenpluralismus mit einer kohärenten epistemischen Grundlage. Die unterschiedlichen Zugänge fragen letztlich das Gleiche: Wie kommt ein Mensch oder ein System in Kontakt mit dem, was wirklich ist, jenseits der gewohnten Konstruktionen?
Die Antworten sind verschieden. Die Richtung ist dieselbe.

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