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Harner Shamanic Counseling: Wenn Analyse nicht mehr weiterhilft

  • Autorenbild: Beda Mulzer
    Beda Mulzer
  • 29. Apr.
  • 5 Min. Lesezeit

Es gibt Entscheidungen, die sich nicht denken lassen. Man hat alle Informationen, hat die Optionen abgewogen, hat mit den richtigen Leuten gesprochen. Und trotzdem bleibt etwas offen. Ein Zögern, das sich nicht wegargumentieren lässt. Eine Richtung, die sich richtig anfühlt, ohne dass man genau sagen könnte warum.

In der klassischen Business-Logik ist das ein Problem. In meiner Arbeit ist es ein Ausgangspunkt.

Was Harner Shamanic Counseling ist — und was es nicht ist

Harner Shamanic Counseling ist eine Methode, die Michael Harner ab den 1970er Jahren aus jahrzehntelanger Feldforschung mit indigenen Kulturen weltweit destilliert hat. Wichtig ist dabei, was er bewusst getan hat: Er hat die Kernstruktur der Methode von ihren spezifischen kulturellen Kontexten getrennt. Nicht aus Gleichgültigkeit gegenüber diesen Kulturen, sondern aus einer klar formulierten methodischen Entscheidung.

Der Gedanke dahinter ist, dass die Grundstruktur des schamanischen Reisens in vielen Kulturen weltweit unabhängig voneinander entstanden ist. Was Harner beschreibt, ist nicht das Eigentum einer einzelnen Tradition, sondern ein menschliches Potenzial, das sich in vielen Kulturen gleichartig ausgedrückt hat. Die Core Shamanism-Methode, die er daraus entwickelte, ermöglicht es Menschen, diese Praxis in ihren eigenen kulturellen und weltanschaulichen Rahmen zu integrieren, ohne eine fremde Kosmologie übernehmen zu müssen.

Das ist keine Aneignung, sondern das Gegenteil davon. Es ist eine bewusste Entscheidung, nicht so zu tun, als wäre man Lakota oder Tuva oder Sámi, wenn man es nicht ist. Die Methode schützt sowohl die Integrität der Herkunftskulturen als auch die Ehrlichkeit des Anwenders.

Zur Sprache: Krafttier, Geist, Spirit

HSC arbeitet trotzdem mit Begriffen wie Krafttier oder helfender Geist. Das ist eine bewusste phänomenologische Entscheidung, keine Übernahme einer bestimmten Mythologie. Diese Begriffe beschreiben, was Menschen in der Erfahrung erleben, auf eine Art, die archetypisch zugänglich ist und an tief verwurzelte symbolische Strukturen im menschlichen Erleben andockt.

Die Alternative wäre gewesen, ein komplett neues Glossar zu entwickeln. Das hätte aber ein Problem erzeugt: Man hätte mit Begriffsdefinitionen angefangen statt mit der Erfahrung. Der phänomenologische Zugang über bekannte Bilder und Figuren ist effizienter und ehrlicher, weil er beschreibt, was tatsächlich wahrgenommen wird, ohne es sofort in ein neues Deutungssystem zu pressen.

Warum diese Sprache funktioniert: Campbell, Jung und die Universalität des Archetypischen

Es gibt eine Beobachtung, die in meiner Praxis immer wieder bestätigt wird: Die Bilder, die im Shamanic State of Consciousness auftauchen, sind für Menschen, die im westlichen Kulturraum sozialisiert wurden, erstaunlich zugänglich. Krafttiere, Führerfiguren, Schwellen, Reisen in andere Welten: Diese Motive sind nicht fremd. Sie sind vertraut, auch wenn man noch nie von schamanischer Arbeit gehört hat.

Der Grund dafür liegt nicht in einer spezifischen kulturellen Überlieferung. Er liegt in dem, was Joseph Campbell in seinem Hauptwerk "Der Heros in tausend Gestalten" (1949) als Monomythos beschrieben hat: die Beobachtung, dass mythologische Grundstrukturen — Aufbruch, Initiation, Rückkehr — in allen menschlichen Kulturen unabhängig voneinander auftauchen. Campbell hat das komparativ belegt, quer durch Jahrtausende und Kontinente.

C.G. Jung hat dafür eine psychologische Erklärung entwickelt: das kollektive Unbewusste und die Archetypen. Bestimmte Bildfiguren, der Weise, das Tier als Kraft, der Bote, die Schwelle, sind demnach keine kulturellen Konstrukte, sondern tief strukturierte Muster des menschlichen Erlebens. Sie sind nicht gelernt, sondern vorgegeben, als Potential das sich in unterschiedlichen Kulturen unterschiedlich ausdrückt, aber in seiner Grundstruktur erkennbar bleibt.

Was das für die Praxis bedeutet: Menschen, die im westlichen Kulturraum aufgewachsen sind, Überlieferungen aus Mythos, Märchen, Literatur, Film kennen, bringen bereits ein archetypisches Bildrepertoire mit, auch wenn es säkular eingefärbt ist. Der Wolf im Märchen, der Adler als Symbol, der alte Weise am Wegrand — das sind keine exotischen Bilder. Sie sind Teil einer geteilten symbolischen Grammatik, die tiefer sitzt als bewusste Kulturkenntnis.

Das erklärt, warum die Sprache des HSC auch für Menschen funktioniert, die keinerlei spirituellen Hintergrund mitbringen und die Methode rein pragmatisch nutzen. Die archetypischen Bilder brauchen keine Überzeugung. Sie brauchen nur Offenheit für das, was in der Erfahrung tatsächlich auftaucht.

Eine Anmerkung zur Entstehungszeit

Harner hat seine Methode in den 1970er und 80er Jahren systematisiert. Das ist relevant, weil die neurophysiologische Forschung, die heute diese Zustände gut beschreiben kann, damals noch nicht verfügbar war. EEG-Methoden zur Messung kortikaler Aktivität im Theta-Bereich, Forschungen zum Default Mode Network, Studien zu rhythmischer sensorischer Stimulation und veränderter Bewusstseinswahrnehmung: das ist alles Forschung der letzten Jahrzehnte.

Harner und die Wissenschaftler seiner Zeit hatten keine andere Möglichkeit, als das empirisch Erlebte in der Sprache zu beschreiben, die damals verfügbar war. Das phänomenologische Vokabular war nicht Unwissenschaftlichkeit, sondern das Beste, was möglich war. Die neurophysiologischen Forschungsergebnisse der letzten Jahre bestätigen im Wesentlichen, was Harner und seine Kolleginnen und Kollegen aus der Praxis heraus beschrieben haben: dass diese Zustände real, reproduzierbar und in ihrer Wirkung erklärbar sind.

Was im Gehirn passiert

Rhythmisches Trommeln in diesem Frequenzbereich synchronisiert die kortikale Aktivität in Richtung Theta-Wellen (4 bis 8 Hz). Dieser Bereich ist aus der Schlaf- und Traumforschung bekannt: Er tritt auf im hypnagogen Übergang zwischen Wachen und Schlafen, in Phasen tiefer Meditation, und während kreativer Einfälle, die Neurowissenschaftler als Insight-Momente beschreiben.

Gleichzeitig zeigen Studien zur rhythmischen sensorischen Stimulation eine signifikante Aktivitätsveränderung im Default Mode Network (DMN), jenem Netzwerk, das für selbstreferenzielles Denken, Grübeln und die Aufrechterhaltung unserer narrativen Ich-Konstruktion zuständig ist. Im SSC wird das DMN nicht abgeschaltet, aber es verändert sich. Die Dominanz des analytisch-linearen Denkens nimmt ab. Gleichzeitig steigt die Konnektivität zwischen Bereichen, die für intuitive Mustererkennung, emotionale Verarbeitung und embodied cognition zuständig sind.

Was entsteht, ist ein Bewusstseinszustand, in dem das Gehirn Verbindungen herstellt, die im Wachzustand durch die Filterlogik des präfrontalen Kortex unterdrückt werden. Nicht halluzinatorisch, nicht dissoziiert, sondern präzise und zugewandt, aber aus einer anderen Perspektive.

Was das mit Entscheidungen zu tun hat

Viele der schwierigen Entscheidungen in Organisationen und im persönlichen Leben sind keine Informationsprobleme. Die Fakten sind bekannt. Das eigentliche Problem ist, dass die Person, die entscheidet, selbst Teil des Systems ist, über das entschieden werden soll. Sie kann nicht heraustreten. Ihre Annahmen, ihre Bindungen, ihre Angst vor bestimmten Konsequenzen, das alles färbt die Wahrnehmung, ohne dass sie es direkt merkt.

Der SSC schafft einen anderen Zugang. Nicht durch Distanz, sondern durch eine veränderte Art des Hinschauens. Menschen beschreiben im Rückblick auf solche Sessions häufig, dass sie etwas gesehen oder gespürt haben, das sie schon wussten, aber nicht sehen wollten. Oder eine Richtung, die sich plötzlich klar anfühlte, ohne dass sich die äußeren Fakten verändert hätten.

Das ist keine Magie. Es ist neurophysiologisch erklärbar: Wenn das analytische Filtersystem kurz weniger dominant ist, kommen Signale durch, die vorher im Rauschen untergingen. Körperwissen. Emotionale Wahrheit. Mustererkennungen, die unterhalb der Bewusstseinsschwelle schon längst stattgefunden hatten.

Wie ich damit arbeite

Harner Shamanic Counseling ist in meiner Praxis kein esoterisches Angebot am Rand. Es ist eine klar gerahmte Methode, die ich im 1:1-Setting einsetze, wenn jemand an einem Punkt steht, an dem weiteres Analysieren nicht mehr hilft.

Das können Gründerinnen und Gründer sein, die eine Weichenstellung vor sich haben und merken, dass ihre Rationalität sie im Kreis dreht. Führungspersonen, die eine Veränderung spüren, die sie noch nicht benennen können. Menschen in Übergängen, bei denen die innere Logik des nächsten Schritts noch nicht greifbar ist.

Das Setting ist klar: Es gibt eine Frage, einen geschützten Raum, eine definierte Dauer. Ich begleite den Prozess. Was kommt, wird anschließend gemeinsam angeschaut, nicht gedeutet, sondern integriert.

Ich mache keine Heilversprechen. Ich verspreche keine Erleuchtung. Ich schaffe Bedingungen, unter denen ein anderes Wissen zugänglich wird. Was die Person damit macht, liegt bei ihr.

Wenn das etwas ist, das für dich oder für jemanden in deinem Umfeld relevant klingt, bin ich für ein Gespräch offen.

 
 
 

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