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Was jetzt möglich wäre — Teil 3 von 3

  • Autorenbild: Beda Mulzer
    Beda Mulzer
  • vor 5 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 4 Tagen

Dies ist der dritte und letzte Teil einer Serie über die Krise der deutschen Filmbranche. In Teil 1 ging es um die aktuellen Zahlen und die Menschen, die sie tragen. In Teil 2 ging es um die politischen und strukturellen Ursachen. Hier geht es um das, was jetzt möglich wäre.

 

Das Paradox der Adaption

 

Die Branche hat bewiesen, dass sie sich anpassen kann.

Genau darin liegt ein Teil des Problems.

 

Was einmal funktioniert, wird schnell zum neuen Standard. In der Organisationstheorie nennt man das Ratchet-Dynamik: Wenn ein System lernt, unter Druck mehr zu leisten, wird dieses Mehr zur neuen Baseline. Es gibt keinen natürlichen Mechanismus, der die Belastung wieder zurückdreht.

 

Nur Erschöpfung.

Oder Zusammenbruch.

 

Kreativität entsteht nicht im Dauerlauf. Was gute Filmproduktion auszeichnet, ist nicht reine Effizienz. Es ist das, was im Spielraum passiert: der Moment, in dem etwas Ungeplantes auftaucht und jemand erkennt, dass es stärker ist als das Geplante.

 

Diese Qualität braucht Zeit, Luft und Aufmerksamkeit.

 

Wenn diese Bedingungen systematisch weggespart werden, verschwindet genau das, wofür gute Produktion eigentlich bezahlt wird: Wahrnehmung, Urteilskraft, Präsenz, Präzision und die Fähigkeit, unter komplexen Bedingungen das Richtige zu sehen.

 

KI ersetzt kein Set. Sie verändert die Arbeit darin.

 

KI verändert die Produktion. Das ist real.

 

Inhouse-Teams können heute Dinge selbst herstellen, für die sie vor wenigen Jahren noch eine Agentur oder Produktionsfirma gebraucht hätten. Konzepte, Layouts, Moodboards, Animatics, Textvarianten, Übersetzungen, Visualisierungen, Präsentationen. Vieles geht schneller. Vieles wird zugänglicher.

 

Aber die Vorstellung, KI werde jetzt einfach Bilder herstellen, Synchronton ersetzen und am Ende brauche niemand mehr ein Set, ist ein riesiges Missverständnis.

 

Was tatsächlich passiert, ist viel feiner und tiefgreifender: Fast alle Departments beginnen, mit KI zu arbeiten. Nicht unbedingt spektakulär. Oft still, praktisch, nebenbei.

 

Aufnahmeleitung strukturiert Abläufe. Szenenbild entwickelt Varianten. Kostüm recherchiert Referenzen. Regieassistenz sortiert Informationen. Produktion kalkuliert Szenarien. Autorinnen testen Dialogfassungen. Licht, Kamera, Ton und Postproduktion nutzen KI für Planung, Recherche, Visualisierung, Dokumentation und technische Vorarbeit.

 

KI wird damit weniger zum Ersatz für Filmproduktion als zu einem neuen Layer in der Vorbereitung, Kommunikation und Entscheidungsfindung.

 

Das kann eine gute Entwicklung sein.

 

Wenn KI den einzelnen Fachleuten hilft, ihre Aufgaben klarer, schneller und strukturierter zu erfüllen, kann daraus Raum entstehen: mehr Zeit für Wahrnehmung, für sensorische Genauigkeit, für gestalterische Entscheidungen, für Kommunikation, für die Weiterentwicklung von Softskills und kreativer Sensibilität.

 

Dann könnte KI tatsächlich dazu beitragen, die Qualität von Produktionen zu verbessern.

 

Wenn der Effizienzgewinn aber nur dazu genutzt wird, noch schneller zu drehen, Entscheidungszeiträume weiter zu verkürzen, Vorbereitungszeit zu reduzieren und Abhängigkeiten noch komplexer zu machen, dann verstärkt KI genau die Dynamik, die die Branche bereits erschöpft.

 

Dann wird aus einem Werkzeug zur Entlastung ein weiterer Beschleuniger des Verschleißes.

 

Coca-Cola hat zu Weihnachten 2024 gezeigt, wo eine Grenze liegt. Der KI-generierte Remake des klassischen Holiday-Spots wurde breit kritisiert. Nicht, weil KI grundsätzlich abgelehnt wurde. Sondern weil der Spot etwas versprach, das er nicht einlösen konnte: emotionale Authentizität.

 

Was KI gut kann, ist Volumen, Geschwindigkeit und Variation.

 

Was sie nicht besitzt, ist sensorische Intelligenz. Körperlich gelerntes Urteilsvermögen. Erfahrung mit Raum, Stimmung, Timing, Material, Gesichtern, Licht, Spannung, Müdigkeit, Vertrauen und Atmosphäre.

 

Dieses Wissen befindet sich nicht im Prompt.


Es sitzt in Menschen.

 

Was jetzt möglich wäre

 

Was jetzt nötig ist, ist eine Selbstermächtigung der Produzentinnen und Produzenten. Nicht als Selbsthilfe-Rhetorik. Konkret, praktisch, strukturell.

 

Es braucht kreatives Arbeiten auf allen Ebenen: nicht nur inhaltlich, sondern auch in der Art, wie Kosten, Prozesse, Teams und Verantwortung gedacht werden.

 

Knappe Mittel können anders eingesetzt werden. Kollaboration kann gestärkt werden. Produktionsfirmen können sich stärker zusammenschließen, Ressourcen teilen, Wissen austauschen, gemeinsam entwickeln, statt jeden Auftrag isoliert zu stemmen.

 

Die Branche könnte in andere Wirtschaftsbereiche schauen und untersuchen, wie dort mit ähnlichen Dynamiken umgegangen wird: mit Unsicherheit, Projektlogik, Fachkräftemangel, Komplexität, digitaler Beschleunigung und permanentem Anpassungsdruck.

 

Sie könnte sich unabhängiger von breiten Trends machen und wieder risikobereiter, präziser und menschenzentrierter denken. So, wie viele es aus ihrer Zeit an Filmhochschulen, aus freien Projekten oder aus den ersten gemeinsamen Produktionen vielleicht noch kennen.

 

Interdisziplinäre Teams, in denen mehrere Menschen mehrere Rollen tragen, können sehr stark sein. Aber nur, wenn diese Mehrfachrollen bewusst gestaltet werden. Agilität entsteht nicht dadurch, dass alle alles machen müssen. Sie entsteht, wenn Menschen Verantwortung übernehmen können, weil sie Orientierung, Vertrauen und ein gemeinsames Bild der Aufgabe haben.

 

Fachleute müssen dafür wirklich als Fachleute gesehen werden.

 

Nicht als Erfüllungsgehilfen. Nicht als Kostenfaktor. Nicht als austauschbare Ressource.

 

Sondern als Quelle von Erfahrung, Inspiration, Wissen und ungeahnten Möglichkeiten.

 

DRUCK und The Reader: Was beide uns lehren

 

Ich habe in Hollywood-Großproduktionen wie The Reader und der Bourne-Trilogie gearbeitet. Und ich habe bei DRUCK für ZDFneo mit einem sehr agilen Mini-Team und One-Person-Departments gearbeitet.

 

Beide Projektarten haben Preise gewonnen.

 

Beide haben ihre eigenen Stärken.

 

Beide haben ihre eigenen Fehler.

 

Was mich an beiden beeindruckt hat, ist unterschiedlich.

 

Bei großen Produktionen ist es die Präzision, die möglich wird, wenn genügend Ressourcen vorhanden sind und Fachleute tief in ihre Spezialisierung gehen können.

 

Bei kleinen Produktionen wie DRUCK ist es die Beweglichkeit, die entsteht, wenn viel Sendezeit mit wenig Arbeitszeit, engen Budgets und trotzdem hoher künstlerischer und kreativer Tiefe zusammenkommt. Lange Entscheidungszyklen wären dort kaum möglich. Verantwortung, Wahrnehmung und Handlungskraft rücken näher zusammen. Gute Ideen entstehen aus der unmittelbaren Nähe von Problem, Entscheidung und Umsetzung.

 

Das Entscheidende ist: Beide Modelle funktionieren nur dann wirklich, wenn die beteiligten Menschen als Expertinnen und Experten ernst genommen werden.

 

Wenn ihre Fehlererfahrungen als Kompetenz behandelt werden.

 

Wenn man sie in den Dialog holt.

 

Wenn man ihnen zutraut, mehr zu sehen als nur den eigenen Aufgabenbereich.

 

In guten Teams sind Fehler nicht nur Störung. Sie sind gewonnene Erfahrung. Sie zeigen, wo ein System blind war, wo Übergaben nicht gestimmt haben, wo Annahmen zu schwach waren, wo Verantwortung unklar wurde und manchmal führen sie zur magischen und authentischen Perfektion einer Szene.

 

Wenn diese Erfahrung ernst genommen wird, kann sehr viel Positives entstehen.

 

Das gilt für die große Hollywoodproduktion genauso wie für das Mini-Team.

 

Was passiert, wenn nichts passiert

 

Die Alternative ist bereits erkennbar.

 

Menschen, die am Set mentale Agilität und Anpassungsfähigkeit gelernt haben, bauen zunehmend erfolgreiches Business außerhalb der Filmindustrie auf.

 

Die Fähigkeit, in komplexen Situationen unter Zeitdruck mit wechselnden Teams Ergebnisse zu liefern, ist weit über Film hinaus gefragt: Organisationsentwicklung, Prozessbegleitung, Change Management, Krisenkommunikation, Projektarchitektur, aber auch Entwicklungshilfe, soziale Innovation, Hospitality, Start-Ups und so weiter.

 

Viele Filmschaffende sind darin aus intuitiver Erfahrung besser als manche Berater, die dafür ausgebildet wurden.

 

Während also die Besten der Branche anderswo gebraucht werden, bleiben jene Produktionsstrukturen zurück, die sich gegen Veränderung stemmen. Dann wird weiter darauf gewartet, irgendwann den nächsten Provinz-Krimi im kleinen Fernsehspiel unterzubringen. Mit unerfahrenen Crews wird dann alles, was früher schon schwierig war, noch einmal neu entdeckt.

 

Das muss nicht so kommen.

Aber es wird so kommen, wenn sich nichts ändert.

Nicht nur in der Politik.

Auch in der Art, wie diese Branche über sich selbst denkt.

 

Die deutsche Filmbranche braucht keine weitere Beschleunigung um ihrer selbst willen.


Sie braucht bessere Bedingungen für kluge Anpassung.

Sie braucht Produktionsstrukturen, die Fachwissen halten.

Sie braucht KI-Kompetenz, die Menschen stärkt, statt sie aus dem Prozess zu drücken.

Sie braucht Räume, in denen Crews nicht nur funktionieren, sondern mitdenken.

 

Sie braucht Produzentinnen und Produzenten, die verstehen, dass Qualität nicht entsteht, wenn man jeden Spielraum aus der Kalkulation schneidet.

 

Und sie braucht eine Politik, die begreift, dass Produktionskultur Infrastruktur ist.

 

Denn was gerade auf dem Spiel steht, ist mehr als ein Markt.

 

Es ist ein gewachsenes Feld aus Wissen, Körperintelligenz, sozialer Präzision, technischer Meisterschaft und kollektiver Improvisationsfähigkeit.

 

Wenn dieses Feld verschwindet, wird es nicht einfach wieder hochgefahren.

 

Man kann eine Branche nicht wie eine Software neu installieren.

 

Man muss sie pflegen, solange sie noch lebt.

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