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Das Versagen der Rahmenbedingungen — Teil 2 von 3

  • Autorenbild: Beda Mulzer
    Beda Mulzer
  • vor 5 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 4 Tagen

Dies ist der zweite Teil einer dreiteiligen Serie über die Krise der deutschen Filmbranche. Im ersten Teil ging es um die aktuellen Zahlen und um die Menschen, die diese Krise am Körper tragen. Hier geht es um die strukturellen und politischen Ursachen.


Öffentlich-Rechtliche unter Druck: Rundfunkbeitrag eingefroren, Produktionen zurück

In der Werbefilm-Debatte geht oft unter, welche Rolle die öffentlich-rechtlichen Sender für den deutschen Produktionsmarkt spielen. ARD und ZDF sind keine Randgröße. Sie gehören zu den wichtigsten Auftraggebern der Branche.


Die ARD investierte 2023 knapp 876 Millionen Euro in Auftrags-, Ko- und Mischproduktionen. Das ZDF plant für 2025 knapp 848 Millionen Euro. Zusammen sind das rund 1,7 Milliarden Euro, die direkt in den Produktionsmarkt fließen.


Dieser Betrag schrumpft real.


Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten empfahl eine Erhöhung des Rundfunkbeitrags ab 2025 von 18,36 auf 18,94 Euro. Die Bundesländer lehnten ab. Der Beitrag bleibt eingefroren, mindestens bis Ende 2026. ARD und ZDF klagten in Karlsruhe, die KEF revidierte ihre Empfehlung später nach unten.

Das Ergebnis: Die Sender müssen mit einem nominal nahezu unveränderten Budget haushalten, während Produktions-, Personal- und Materialkosten seit 2021 deutlich gestiegen sind.


Dieser Druck schlägt sich in der Crew-United-Statistik nieder. Der klassische abendfüllende TV-Fernsehspielfilm ist von 57 Produktionen im Jahr 2022 auf 44 Produktionen im Jahr 2025 gesunken. Im ersten Quartal 2026 sind 8 Produktionen eingetragen.

Bei TV-Mehrteilern ist es eine einzige.


Das sind keine Hochrechnungen. Das sind die real eingetragenen Zahlen bis Mitte April.

Was Organisationen unter Spardruck tun, tun auch Sender: Sie verschieben ihre Formate. Weniger Spielfilme. Mehr Magazine. Weniger ambitionierte Serien. Mehr günstiger kalkulierbare Formate. Weniger risikoreiche Koproduktionen mit unabhängigen Produzenten. Mehr intern planbare Strukturen.

Damit fehlen nicht nur einzelne Aufträge. Es fehlen Koproduktionspartner, Planungssicherheit und verlässliche Produktionsketten.


Eine weitere Konsequenz dieses Kostendrucks wird selten offen thematisiert: Produktionen, die nominell für den deutschen Markt entstehen und aus deutschen Rundfunkbeiträgen finanziert werden, werden zunehmend mit Crews aus Niedriglohnländern besetzt oder ganz ins Ausland verlegt.


Fernsehfilme, die in Deutschland spielen, für ein deutsches Publikum produziert werden und mit deutschem Geld finanziert sind, drehen dann mit litauischen, tschechischen oder anderen günstigeren Crews. Teilweise gibt es dafür inhaltliche Gründe. Teilweise gibt es sie nicht.

Für den deutschen Produktionsstandort bedeutet das einen weiteren Entzug von Arbeit. Öffentlich finanzierte Produktionsmittel fließen aus dem deutschen Crew- und Dienstleistungsmarkt ab.


Genau hier wäre ein wirksames Steueranreizmodell ein Gegengewicht.

Es fehlt.


Die Krise differenziert sich: Wer überlebt und warum

Ein aktuelles Interview mit UFA-Chef Sascha Schwingel macht deutlich, dass die Krise nicht alle gleichermaßen trifft. Die UFA meldet für 2026 steigende Umsätze und ein positives Ergebnis.


Auf den ersten Blick wirkt das wie ein Widerspruch zu den Crew-United-Zahlen. Auf den zweiten Blick erklärt es die Lage genauer.


Die UFA wächst unter anderem, weil sie in Ungarn produziert, wo gerade eine neue Daily entsteht. Ungarn bietet seit Jahren aggressive Steuervergünstigungen für internationale Produktionen. Das Wachstum der UFA zeigt deshalb nicht, dass der deutsche Markt stabil ist. Es zeigt, dass Produktionsvolumen dorthin wandert, wo die Rahmenbedingungen günstiger sind.


Schwingel beschreibt außerdem den Druck, den RTL, ProSiebenSat.1 und andere Auftraggeber auf Produktionsfirmen ausüben: Produktion soll durch KI deutlich günstiger werden. In Deutschland werde noch mit zu viel Aufwand produziert.

Strukturell bedeutet das: Die Krise sortiert entlang von Größe, Kapitalstärke und internationaler Beweglichkeit. Wer groß genug ist, international zu produzieren, Skaleneffekte zu nutzen und Kosten über mehrere Märkte zu verteilen, kann sich stabilisieren.


Wer das nicht kann, also mittlere und kleine Firmen, freie Crews, spezialisierte Dienstleister und lokale Produktionsstrukturen, trägt den vollen Druck.


Politikversagen: Werkzeuge für eine andere Wirtschaft

Anfang Mai 2026 brachte SPD-Fraktionschef Matthias Miersch beim Wirtschaftsforum der SPD das Kurzarbeitergeld ins Gespräch. Wenn Lieferketten zusammenbrächen, sei dieses Instrument bei anhaltender Krise das Mittel der Wahl. Er verwies auf 2008 und 2020, als Kurzarbeitergeld Arbeitsplätze sicherte und Fachkräfte in der Wirtschaft hielt.


Das stimmt, für die Wirtschaft, die er dabei im Kopf hat.


Kurzarbeitergeld ist ein Instrument für Betriebe mit fest angestellten Mitarbeitenden. Es greift, wenn ein Unternehmen wegen Auftragsmangel oder Lieferkettenproblemen Arbeitszeit reduziert und Fachpersonal halten will. Das funktioniert im Maschinenbau. Es funktioniert in der Automobilindustrie. Es funktioniert überall dort, wo Menschen in dauerhaften Beschäftigungsverhältnissen arbeiten und Unternehmen ihre Belegschaft durch eine Flaute tragen können.


Für einen Oberbeleuchter, der seit Jahrzehnten auf Projektbasis arbeitet, funktioniert es nicht.

Nicht für eine Kostümbildnerin ohne Festanstellung. Nicht für eine Kameraassistentin, die von Produktion zu Produktion springt. Nicht für die vielen Filmschaffenden, deren gesamte Berufslogik auf projektbasierter Selbstständigkeit beruht.

Sie haben keinen Arbeitgeber, der Kurzarbeit anmelden könnte. Sie fallen durch das Raster.


Es ist ein einfaches Beispiel für strukturelles Versagen: Wirtschaftspolitische Instrumente orientieren sich noch immer stark an klassischer Industriearbeit. Sie setzen feste Betriebe, feste Belegschaften und klare Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnisse voraus. Ganze Arbeitswelten, in denen projektbasiert, hochflexibel und ohne dauerhafte Betriebszugehörigkeit gearbeitet wird, fallen dadurch aus dem Blick. Die Filmwirtschaft ist nicht der einzige Bereich, in dem so gearbeitet wird. Sie zeigt nur besonders deutlich, wie schlecht die vorhandenen Werkzeuge zu vielen heutigen Erwerbsrealitäten passen.

Wenn diese Werkzeuge dann benannt sind, entsteht politisch schnell der Eindruck, es sei etwas getan. Für weniger standardisierte Wirtschaftsfelder gilt das oft nur auf dem Papier.

Die Kultur- und Kreativwirtschaft kennt diese Erfahrung seit Jahren.


Besonders sichtbar wird das bei den Berufsverbänden. In Phasen geringerer Auslastung wären Verbände normalerweise Orte für Vernetzung, Weiterbildung, Branchendialog und gemeinsame Positionsbildung. Dass es gerade vielen Verbänden der Filmwirtschaft schwerfällt, Mitglieder und Kolleginnen zur Mitarbeit zu aktivieren, ist kein Zeichen von Desinteresse.

Es ist ein Indikator dafür, wie viele Fachkräfte bereits damit beschäftigt sind, irgendwo anders ihre Miete zu erwirtschaften.


Wenn ein Wirtschaftszweig über Jahre mit strukturellen Problemen kämpft, die durch rechtzeitiges politisches Handeln abgemildert worden wären, und dieses Handeln trotzdem ausbleibt, ist das kein Betriebsunfall. Es ist eine politische Entscheidung mit realen Folgen.


Die Reform der Filmförderung wurde auf der Berlinale 2023 angekündigt. Zwischen Ankündigung und erster konkreter Gesetzgebung vergingen fast zwei Jahre. Das Investitionsverpflichtungsgesetz lag über ein Jahr in Verhandlungen, bevor es im Februar 2026 auf den Weg gebracht wurde.


Ein echtes Steueranreizmodell fehlt bis heute.


Jede Verschiebung hatte Folgen: Produktionen, die nicht realisiert wurden. Fachkräfte, die sich umorientiert haben. Internationale Projekte, die nach Spanien, Tschechien oder Ungarn gegangen sind.


Auffällig ist dabei ein wiederkehrendes Muster: Ausgerechnet dort, wo strukturelle Stabilisierung nötig gewesen wäre, wurde mit symbolischer Sparpolitik gearbeitet. CDU-geführte Bundesländer blockierten früh die Erhöhung des Rundfunkbeitrags. Sachsen-Anhalt brachte das Beitragsverfahren wiederholt zum Stillstand, Bayern verweigerte sich ebenfalls. Die Argumente folgten dabei weniger einer medienpolitischen Logik als einer populistischen Erzählung gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.


Als Staatsminister Weimer im Februar 2026 erklärte, der Produktionsstandort Deutschland könne jetzt durchstarten, klang das nach Aufbruch. Tatsächlich markierte es vor allem hoffentlich das Ende einer Verschiebung, die viele Monate früher hätte beendet sein können.


Die Stärke der Sprache steht in keinem Verhältnis zur Länge der Verzögerung.

Was fehlt, ist kein einzelnes besseres Gesetz. Was fehlt, ist das Grundverständnis, dass Kulturpolitik auch Wirtschaftspolitik ist.


Filmförderung ist keine Gefälligkeit für Künstlerinnen und Künstler. Sie ist eine Infrastrukturmaßnahme für einen Wirtschaftsverbund, dessen reales Ausmaß in keiner Statistik vollständig erfasst wird.


Wenn diese Infrastruktur erodiert, verschwinden Wissen, Netzwerke und Produktionskapazitäten nicht geordnet. Sie lösen sich still auf.


Scheinselbständigkeit: Die stille Zeitbombe in jeder Kalkulation

Es gibt eine weitere Ebene, die das Risiko für Produktionsfirmen erhöht und in der öffentlichen Debatte kaum vorkommt: die Scheinselbständigkeitsproblematik.


In der Film- und Medienbranche ist es seit Jahrzehnten gängige Praxis, auf Honorarbasis zu arbeiten. Viele kreativ Filmschaffende stellen Rechnung, versichern sich über die Künstlersozialkasse, arbeiten für viele Auftraggeber und erleben das als normale berufliche Realität.


Nach Einschätzung der Deutschen Rentenversicherung können viele dieser Verhältnisse jedoch als abhängige Beschäftigung eingestuft werden.


Stellt eine Betriebsprüfung fest, dass auf Rechnung arbeitende Personen tatsächlich abhängig beschäftigt waren, muss die Produktionsfirma Sozialversicherungsbeiträge nachzahlen. Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil. Rückwirkend für bis zu vier Jahre, bei Vorsatz bis zu 30 Jahre.

Bei einem typischen Drehteam können diese Nachforderungen schnell in den Millionenbereich gehen. Sofort fällig. Strafrechtliche Risiken kommen hinzu.


Das Paradoxe: Die Bewertungskriterien passen strukturell schlecht auf die Filmbranche.

Ein Kulissenmaler, der drei Wochen lang täglich auf einem Set arbeitet, erfüllt formal viele Merkmale abhängiger Beschäftigung.

Gleichzeitig arbeitet er im Jahr für viele verschiedene Produktionsfirmen, bringt eigenes Erfahrungswissen, eigene Werkzeuge, teilweise eigenes Gerät und eine hohe fachliche Eigenverantwortung mit.

Diese Realität lässt sich schwer in Kriterien übersetzen, die für andere Arbeitsmärkte gebaut wurden.


Mit dem geplanten Schwarzarbeitsmodernisierungsgesetz, für das im Juli 2025 ein Referentenentwurf vorgelegt wurde, soll Scheinselbständigkeit künftig noch konsequenter verfolgt werden.


Damit entsteht ein gefährlicher Widerspruch: Auf der einen Seite versucht die Politik, den Produktionsstandort durch Filmförderreform und Investitionsverpflichtung zu stärken. Auf der anderen Seite hängt über denselben Betrieben ein rechtliches Risiko, das viele von ihnen existenziell treffen könnte.


Die eine Hand stabilisiert. Die andere erhöht den Druck.


Der internationale Vergleich

Der Blick in andere Länder zeigt, dass es auch anders geht.


Spanien hat mit seinem „Audiovisual Hub of Europe“-Plan ab 2021 über 1,6 Milliarden Euro öffentlicher Investitionen in den Sektor gelenkt, kombiniert mit Steuergutschriften von bis zu 30 Prozent national und bis zu 50 Prozent in bestimmten Regionen.


2022 wurden in Spanien 322 Spielfilme produziert. 2023 waren es 375, ein Allzeithoch. 2024 blieb die Zahl mit 376 stabil.


Deutschland produzierte im selben Zeitraum 141 Spielfilme im Jahr 2022, 128 im Jahr 2023 und 152 im Jahr 2024.


Spanien hat eine deutlich kleinere Bevölkerung und produzierte mehr als doppelt so viele Spielfilme.

Das ist kein Qualitätsurteil.

Es ist das Ergebnis politischer Rahmenbedingungen.


Frankreich hält über das Centre National du Cinéma seit Jahrzehnten ein integriertes System aus automatischer Förderung, Investitionspflichten für Sender und Steueranreizen aufrecht.


Die Bitkom-Studie von 2022 hat das wirtschaftliche Argument deutlich gemacht: Jeder Euro in Steuergutschriften fließt 2,2-fach an den Staat zurück.


Das ist keine Subvention im klassischen Sinn.

Es ist Infrastrukturpolitik.


Im dritten und letzten Teil dieser Serie geht es um das, was jetzt möglich wäre: Was KI wirklich kann und was nicht, wie sich Produktionen neu organisieren können und warum mentale Agilität am Set eine der wertvollsten Kompetenzen ist, die diese Branche besitzt.

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